Vorlesung:
Grundlegende Fertigkeiten für die wissenschaftliche Arbeit

von Arnd Baumann und Stephan Frings

I. Irrtum, Fälschung und Betrug in der Wissenschaft    (INHALT)
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Erwartungshaltung birgt Gefahr Beispiele: Der Parallaxe-Irrtum
                   Turboratten

Der kluge Hans
 
Aus dem bei vielen Menschen stark empfundenen Wunsch, mit Tieren kommunizieren zu können, ergeben sich immer wieder Musterbeispiele von Selbstbetrug und irrtümlicher Fehlinterpretation von Experimenten. Eines der bekanntesten Beispiele ist der kluge Hans, ein anscheinend überaus begabtes Pferd, das addieren, subtrahieren und andere Rechenaufgaben lösen konnte. Hans wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von dem pensionierten Lehrer Wilhelm von Osten trainiert. Zur Lösung von Rechenaufgaben mußte Hans so lange mit einem Huf auf den Boden klopfen, bis er bei der richtigen Zahl angelangt war. von Osten, der von den Fähigkeiten des Tieres ehrlich überzeugt war, publizierte seine Ergebnisse, und schon bald war der kluge Hans weltberühmt - offensichtlich ein Beweis für die Intelligenz und Kommunikationsfähigkeit eines Tieres.
 
Aber die wirklichen Fähigkeiten des klugen Hans lagen weniger im Bereich der Mathematik als im Bereich der visuellen Wahrnehmung. Der Psychologe Oskar Pfungst, der das Phänomen genau untersuchte, fand heraus, daß von Osten durch unwillkürliches Kopfnicken dem Pferd immer dann ein Signal gab, wenn er bei der gewünschten Zahl angekommen war. Pfungst konnte nachweisen, daß schon eine Kopfbewegung um einen Fünftelmillimeter ausreichte, um dem klugen Hans mitzuteilen, daß er mit dem Klopfen aufhören sollte. Obwohl Pfungsts Untersuchung nach ihrer Veröffentlichung 1911 ein ebenso weltweites Interesse fand wie zuvor die Geschichte vom rechnenden Pferd, wurden in den folgenden 20 Jahren mehr als siebzig Studien über "denkende" Tiere veröffentlicht - offensichtlich eine Folge der Erwartung (oder des Wunsches), mit intelligenten Tieren Verbindung aufnehmen zu können.
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obelix2.jpg Viele Kritiker sehen die Versuche, Schimpansen in Zeichensprache zu unterrichten, ganz in der Tradition des klugen Hans. Die mit großem Aufwand durchgeführten Bemühungen, Affen durch Zeichensprache "zum Reden zu bringen" haben letzlich zu dem ernüchternden Resultat geführt, daß die Tiere beim Erlernen von Worten und Satzgefügen so weit hinter menschlichen Kleinkindern zurückbleiben, daß die Bezeichnung Sprachverhalten eigentlich nicht anwendbar ist.
 
In komplexen Experimente mit hochentwickelten Tieren (wie Schimpansen, Pferden und Hunden) scheinen die Mechanismen, die aufgrund vorgefasster Erwartungen zu Irrtum und Selbstbetrug führen, besonders häufig wirksam zu werden.
 
Wade, N. (1980) Does man alone have language? Apes reply in riddles, and a horse says neigh.
Science 208:1349-1351
 

 
Bilder: Uderzo und Goscinny (1972) Asterix und der Kupferkessel, Ehapa Verlag, Stuttgart.